Gestatten: Pregl, Fritz Pregl!

Nobelpreisträger, Professor für medizinische Chemie, Tischler, Schlosser und Glasbläser


(aus "Unizeit 4-1994")

Ein außergewöhnlicher Wissenschaftler der Universität Graz hätte am 3. September 1994 seinen 125. Geburtstag gefeiert: Fritz Pregl, promovierter Mediziner und Nobelpreisträger - allerdings für Chemie.


Pregl erblickte das Licht der Welt in Laibach. Er besuchte dort die deutschsprachige Volksschule und das deutschsprachige Gymnasium. Nach der Matura im Jahre 1887 begann Pregl in Graz das Studium der Medizin, welches er 1894 mit der Promotion "summis auspiciis imperatoris" zum Doktor der gesamten Heilkunde abschloß.

Schon während seiner Studienzeit arbeitete er als Demonstrator am Physiologischen Institut bei Prof. Alexander Rollett, belegte nebenbei auch die praktisch-zoologischen Übungen von Ludwig von Graff und war im Studienjahr 1890/91 Privatassistent des Pathologen Rudolf Klemensiewicz. Ab Oktober 1891 war Pregl als Assistent bei Prof. Rollett tätig, bei dem er sich auch 1899 für Physiologie habilitierte.

Pregls Streben nach einer vollkommenen Ausbildung führte ihn neben seinem Stammgebiet der Medizin immer tiefer in die Welt der Chemie, gefördert auch durch seine Studien am Chemischen Institut bei Professor Hans Zdenko Skraup. Nach Rolletts Tod und der Besetzung der Lehrkanzel für Physiologie mit Oskar Zoth wurde Pregl 1904 zum unbesoldeten Extraordinarius für physiologische Chemie ernannt. In der Folge ließ sich Pregl beurlauben, um eine Studienreise zu den wichtigsten Laboratorien Deutschlands zu unternehmen.

Er forschte bei Gustav Hüfner in Tübingen, bei Wilhelm Ostwald in Leipzig und bei dem Nobelpreisträger Emil Fischer in Berlin. Pregl kehrte 1905 nach Graz zurück, um eine Assistentenstelle bei Prof. Karl Berthold Hofmann am Institut für Medizinische Chemie anzunehmen. Im Mittelpunkt seiner Forschungstätigkeit als Extraordinarius an diesem Institut stand die Elementaranalyse.

Forscher & Handwerker

Schon bei seinen ersten Arbeiten über die chemische Natur der Gallensäure bemängelte Pregl den großen Substanzverbrauch von 200 bis 300 Milligramm Ausgangsmenge je Elementaranalyse. Es war daher nur logisch, daß er in der weiteren Folge seines wissenschaftlichen Wirkens die Reduzierung der Substanzmengen für Analysen in den Vordergrund stellte. Pregl schuf im Jahre 1905 einen Apparat zur Bestimmung von Kohlenstoff und Wasserstoff. Benötigte er zu dieser Zeit noch 150 mg Ausgangsmateriales so gelang es ihm, bis zum Jahre 1910 diese Menge auf 7 - 11 mg zu senken.

Mitverantwortlich für Pregls bahnbrechendes Wirken war sicherlich auch seine handwerkliche Ausbildung. So war der anerkannte Forscher Lehrling bei einem Tischler, einem Schlosser und einem Glasbläser. Pregl benötigte daher für die Umsetzung seiner Ideen kaum ausführende Handwerker, sondern konnte aufgrund seiner "Zusatzausbildung" die von ihm erdachten Apparaturen vom ersten Rohentwurf bis zum letzten Feinschliff selbst anfertigen.

Die Mikroanalyse

Im Oktober 1910 wechselte Pregl nach Innsbruck, wo er bis 1913 am dortigen Institut für medizinische Chemie tätig war. Während seiner Innsbrucker Zeit entwickelte Pregl die "quantitative organische Mikroanalyse" in ihren Grundzügen. Voraussetzung dafür war das Vorhandensein einer Waage, die bei einem Gewicht von 20g eine Wägung in der Genauigkeit von einem Millionstel Gramm vornahm. Pregl beschrieb diese Waage den Nichtfachleuten in einem einfachen Beispiel:

"Ein Fuhrmann fährt mit einem von zwei Pferden gezogenen Wagen im Gesamtgewicht von 1000 kg auf eine Waage. Er verläßt diese Waage und fährt nach wenigen hundert Metern auf eine zweite Waage, wo festgestellt wird, daß das Gewicht geringer ist, hervorgerufen durch eine nicht mehr vorhandene Zündholzschachtel."

Bei einem Gewichtsverlust von 10g bedeutete dies eine Wäggenauigkeit von 10-6 g. Pregl stellte sich für seine Versuche eine Waage vor, die bei einer Belastung von 20g eine Genaugikeit von 10-7 g aufwies. Auf das Beispiel mit dem Fuhrwerk bezogen, bedeutet dies nicht den Verlust einer Zündholzschachtel, sondern lediglich eines einzigen Streichholzes während der zwei Wägungen.

Mit Hilfe der Firma Kuhlmann, die zu jener Zeit die Waagen mit der größten Meßgenauigkeit herstellte, gelang es Pregl, seine Vorstellungen einer Waage zu verwirklichen und die gewünschte Empfindlichkeit auf ein Millionstel Gramm zu senken. Aufgestellt wurde die Waage in einem der ruhigsten Teile des Institutsgebäudes, auf einer Marmorplatte, die auf Blei gelagert war, um so jede Erschütterung, die die Meßgenauigkeit beeinträchtigt hätte, zu vermeiden. Der Raum mußte eine konstante Temperatur aufweisen, über symmetrische Beleuchtung verfügen und wie ein Operationssaal keimfrei gehalten werden. Auch die Personen, die mit der Waage arbeiteten, mußten ganz bestimmte Arbeits- und Bewegungsabläufe einhalten, um zu exakten Ergebnissen zu kommen.

Pregl und seinen Mitarbeitern gelang es, mit Hilfe dieser neuen technischen Voraussetzungen nicht nur eine Gewichtsreduktion der zu untersuchenden Stoffe zu erreichen, sondern auch eine wesentliche Minimierung des Zeit- und Arbeitsaufwandes zu erzielen. Von seiner Methode überzeugt hielt Pregl zahlreiche Vorträge und Demonstrationen, um auf seine Forschungsergebnisse aufmerksam zu machen.

"Jetzt glaube ich"

Auf der Naturforscherversammlung von 1913 in Wien hielt Pregl einen seiner bekanntesten Vorträge. Während seiner Rede führten Pregls Mitarbeiter eine Kohlenstoff- und Wasserstoffbestimmung sowie die Stickstoff- und Molekulargewichtsbestimmung durch. Weniger als eine Stunde, anstelle der bisher üblichen drei Stunden, wurden dafür benötigt. Der im Auditorium anwesende Nobelpreisträger Emil Fischer überprüfte das Ergebnis auf das Genaueste. Mit den Worten: "Jetzt glaube ich" beendete er seine Inspektion. Ab diesem Zeitpunkt brauchte Pregl seine Forschungsergebnisse nicht mehr auf Reisen zu präsentieren, sondern konnte seine Arbeitsmethode am eigenen Institut lehren, da zahlreiche Wissenschaftler aus aller Herren Länder zu ihm kamen, um die neue Methode zu erlernen.

Im Oktober 1913 kehrte Pregl nach Graz zurück und übernahm von Prof. Hofmann die Lehrkanzel für angewandte medizinische Chemie. Die Verleihung des Nobelpreises für Chemie für die von ihm entwickelte "Mikroanalyse organischer Substanzen" im Jahre 1923 stellte für Pregl den Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn dar.

Auto & Tod

Doch nicht nur in der Wissenschaft, auch im Privatleben war der Junggeselle Pregl eine prägende Erscheinung. Meist schlief er in seinem Institut, speiste stets im Heinrichhof und war ständig umgeben von einer Schar wißbegieriger Studenten. Während seiner Zeit als Rektor in den Jahren 1920/21 organisierte er im Hauptgebäude eine Küche, die mittellose Studenten kostenlos verpflegte. Große Teile seines Nobelpreises stellte er der Universität für den Ausbau von Laboratorien zur Verfügung. Der Akademie der Wissenschaften spendete er soviel Geld, daß aus den Zinsen auch heute noch regelmäßig der Pregl-Preis verliehen werden kann.

Kurz vor seinem Tod leistete sich Pregl als einer der ersten Grazer ein eigenes Auto. Mit diesem hatte er jedoch wenige Tage vor seinem Ableben im Dezember 1930 einen Unfall. Ob dieser Unfall auch ausschlaggebend für seinen Tod wenige Tage später war, steht bis heute nicht fest, da die genauen Umstände seines Todes nicht geklärt sind. Pregl wurde, wie es für einen Wissenschaftler seiner Bedeutung damals üblich war, im Hauptgebäude aufgebahrt. Von dort führte der Leichenzug zu seiner letzten Ruhestätte auf dem St. Leonhard-Friedhof.

Helmut Gekle